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Muhammad – Prophet: auch für Christen?

I. Muslime fragen 

Der Islam anerkennt alle Propheten. Er macht zwar Unterschiede in ihrer Rangfolge, jedoch keinen Unterschied in Bezug auf die Wahrheit ihrer Botschaft. Jesus ist einer von den Propheten (Sure 2,136.285; 3,84).

  • Erkennt ihr Christen, so wie wir Muslime es tun, alle Propheten als solche an, einschließlich Muhammad?

 

II. Muslimische Sicht

 

Allgemein

 

Der Koran erwähnt viele Propheten, die im Laufe der Geschichte einer nach dem anderen von Gott gesandt wurden. Jesus ist einer der größten unter ihnen (Sure 2,136.253; etc). Die Kette der Propheten erreicht jedoch ihren Endpunkt und ihre Erfüllung in Muhammad, dem „Siegel der Propheten“ (Sure 33,40). Folglich erkennt der islamische Glaube in der Offenbarung des Korans den Maßstab der Wahrheit in allen religiösen Fragen.

 

Muslime fühlen sich verletzt, wenn Christen Muhammad die Qualität des Prophetseins absprechen. Darüber hinaus empfinden Muslime, dass Christen durch die Negierung des Prophetentums Muhammads, den Gott selbst doch zum Überbringer des Korans für die ganze Menschheit erwählt hat, dem Islam, d. h. der lebendigen religiösen Praxis der Muslime im allgemeinen sowie auch ihrem hier und jetzt gegenwärtigen muslimischen Partner einen religiösen, geistlichen und mystischen Wert absprechen. Zudem empfinden sie diese Ablehnung als Beleidigung der Person, die zu verehren und zu lieben sie von frühester Kindheit an gelehrt wurden. Dieses Gefühl verstärkt sich nicht selten – und sei es auch nur in vager Form –, insoweit der Gesprächspartner mit den negativen Urteilen über Muhammad vertraut ist, die in der christlichen Literatur und Theologie eine lange Tradition haben. So wurde Muhammad bisweilen auch als Lügner und Verführer bezeichnet.

 

Im Einzelnen

 

Der Koran beansprucht von Anfang an, dieselbe monotheistische Botschaft zu verkünden, die Gott schon früheren Propheten aufgetragen hatte, die allerdings jetzt im Koran „in einer klaren arabischen Sprache“ vermittelt wird. Über 25 solcher Propheten werden im Koran namentlich erwähnt, die Namen der meisten von ihnen sind uns aus der biblischen Tradition bekannt. Nach Adam sind es Henoch (Idrîs), Noach (Nûh), Abraham (Ibrahîm), Isaak (Ishâq), Ismael (Isma’îl), Lot (Lût), Jakob (Ya’qûb), Josef (Yûsuf), Jethro (Schu’aib), Mose (Mûsa), Aaron (Hârûn), David (Dawûd), Salomon (Sulaimân), Elija (Ilyâs), Elischa (Elyâsa), Jesaja (Zûlkifl), Jona (Yûnus), Hiob/Ijob (Ayyûb), Zacharias (Zakariyya) und sein Sohn Johannes (Yahyâ) der Täufer, Maria (Marjam) und ihr Sohn Jesus (’Isâ), denen ein höherer Rang zugeschrieben wird. In der Bibel werden diese Persönlichkeiten bis auf Elija, Elischa, Jesaja und Jona, zum Teil auch Mose, normalerweise nicht zu den Propheten gerechnet. Dagegen werden die vier ‚großen‘ Propheten der Bibel – außer Jesaja – und die zwölf ‚kleinen‘ – außer Jona – im Koran nicht erwähnt, und Jona nur im Zusammenhang mit der seltsamen Geschichte vom großen Fisch, der ihn verschlang. Thamûd, Prophet des Stammes ’Âd sowie Sâlih, Prophet des Stammes Thamud wiederum kennt die Bibel nicht, ebensowenig Shu’aib, Prophet von Madyan, sofern dieser nicht mit Jethro, dem Priester in Midian identisch sein soll.

 

Drei der koranischen Propheten werden besonders eingehend behandelt. Sie sind die zentralen Personen in zahlreichen koranischen Erzählungen, welche zuweilen an die biblischen Texte erinnern, manchmal aber auch weit von ihnen abweichen.

 

Abraham ist im Gehorsam des Glaubens bereit, seinen Sohn – ob es sich um Isaak oder Ismael handelt, bleibt offen– zu opfern. Er begrüßt und empfängt die von Gott gesandten Engel. Er ist das herausgehobene Vorbild des monotheistischen Glaubens. Er reinigt den Kult der Mekkaner vom Polytheismus und legt zusammen mit seinem Sohn Ismael den Grundstein für die Kaaba(5). So prägt er wie kein anderer Prophet die Gebete und den Geist der Hadsch (der den Muslimen vom Koran vorgeschriebenen Pilgerfahrt).

 

Mose, gerettet aus den Wassern des Nils, wird am Hofe des Pharao erzogen und erhält später mit Hilfe seines Bruders Aaron die Erlaubnis für sein Volk, Ägypten zu verlassen. Nach der Überquerung des Roten Meeres auf trockenem Pfad wird er am Berg Sinai derjenige, mit dem Gott gesprochen hat (kalîm Allâh), dem Gott die Thora (d. h. die fünf Bücher Mose) anvertraut hat. Jesus wurde auf wundersame Weise von der Jungfrau Maria (in der Wüste, nahe einer Palme) geboren, empfing von Gott das Evangelium (indschîl, als ein einziges Buch), verkündete den Söhnen Israels den Monotheismus, vollbrachte verschiedene Wundertaten (wie z. B. die Belebung eines aus Lehm geformten Vogels, die Offenlegung geheimer Gedanken, die Heilung von Blinden und Aussätzigen, das Zurückbringen von Toten zum Leben, etc.). Er war konfrontiert mit der Feindschaft der Juden. Diese behaupteten auch, ihn gekreuzigt zu haben. Das war jedoch eine Illusion, denn Gott hatte ihn zu sich in den Himmel erhoben, bevor sie ihre Tat umsetzen konnten. Er lebt und wird kommen am Ende der Zeiten, als Vorbote und Vorbereiter des Gerichtstages, um zu verkünden, dass der Islam die wahre Religion ist. Während seines Lebens hatte er das Kommen des letzten der Propheten vorausgesagt. Dieser werde den Namen Ahmad (= Muhammad) tragen (Sure 61,6). Er ist „Wort von Gott“ und „Geist von Gott“, aber er ist weder Sohn Gottes noch Gott selbst.

 

Der größte aller Propheten ist Muhammad selbst, das „Siegel der Propheten“. Er wurde um 570 nach Christus in Mekka geboren. Mit vierzig Jahren erhielt der erfolgreiche Kaufmann Offenbarungen, die ihn nötigten, als Prophet aufzutreten und den Willen des einzigen Gottes erneut zur Sprache zu bringen. Seine Worte – als direkte Offenbarung der himmlischen goldenen Tafeln verstanden – wurden im Koran zusammengefasst. Muhammad entging den Anfeindungen der Mekkaner 622 durch die Hidschra(6) nach Yathrib (später Medina). Er wurde dort nicht nur zum religiösen, sondern auch zum politischen Führer, vereinigte alle Muslime in ihrem Glauben an den einzigen Gott zu einer einzigen Gemeinschaft (umma) jenseits aller Stammesgrenzen und weitete ihren Einflussbereich trotz einiger Rückschläge kontinuierlich aus. Seine Hoffnung, Juden wie Christen für seine Botschaft zu gewinnen – verstand er sie doch als deren Aktualisierung, nicht als deren Verdrängung, erfüllten sich nicht. Es kam zum Bruch. So änderte er auch die zunächst auf Jerusalem ausgerichtete Gebetsrichtung. Die Kaaba in Mekka wurde richtungweisend, 630 beseitigte er dort die Götzen, Malereien und Kultsymbole, 632 leitete er die erste große Wallfahrt der Muslime dorthin, die seitdem jährlich stattfindet. 632 verstarb er. Neben dem Koran ist auch seine Lebens- und Verhaltensweise für die Muslime Vorbild. Er war nach dem Tode seiner Frau Chadidscha mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet. Der Tradition nach gilt er als Analphabet. Wahrscheinlich soll diese Charakterisierung unterstreichen, dass Muhammad seine Lehre der strikten Offenbarung verdankt – ohne eigenes Zutun.

 

Es ist bemerkenswert, dass alle Prophetenerzählungen des Koran dem gleichen Schema folgen:

 

– Ein Prophet wird von Gott aus dem jeweiligen Volk erwählt.

– Er spricht dessen Sprache.

– Er verkündet dieselbe Lehre (es gibt nur den einen und einzigen Gott).

– Er erleidet seitens seines Volkes Feindschaft, ja Bedrohung mit dem Tod.

– Doch Gott rettet seinen Gesandten, bestraft das ungläubige Volk.

 

Dieses Schema stimmt mit der Erfahrung Muhammads voll überein. Muhammads Erfahrung als Prophet scheint demnach auf seine im Koran erwähnten Vorgänger im Prophetenamt übertragen worden zu sein. Das erklärt, warum der koranische Jesus nichts anderes als den Monotheismus predigte. Folgerichtig weist der koranische Jesus selbst (Sure 5,116–117) von sich ab, was ihm andere in den Mund legen: daß er (wie seine Mutter) Gott sei, zusätzlich zu Allah.

 

In Medina, nach der Hidschra, trifft Muhammad auf die Feindschaft seitens der lokalen jüdischen Stämme und – wenn auch in weit geringerem Ausmaß – seitens der Christen. Dennoch steht seine Botschaft mit der biblischen Tradition in Beziehung, wenn die Akzente auch anders gesetzt werden. So sieht Muhammad sich als strikten, einzig wahren Nachfolger Abrahams und lehnt den Anspruch von Juden und Christen ab, in der Tradition Abrahams zu stehen. Abraham war „weder ein Jude noch ein Christ“. Er ist der vorbildliche Vertreter des Monotheismus, den Muhammad jetzt erneut zur Geltung bringt (vgl. Sure 2,135.140). Muhammad sieht sich ferner als Erbe einer genuin prophetischen Tradition, die in ihm als „dem Siegel der Propheten“ ihren Höhepunkt und ihre Erfüllung findet (Sure 33,40). Seine Botschaft, der Koran, ist folglich der Maßstab, an dem alle vorhergehenden Heiligen Schriften gemessen werden müssen: Thora (taurât), Psalmen (zabûr), Evangelium (indschîl). Diese sind nach der Lehre des Korans jedoch schon sehr früh – je nach Deutung – falsch verstanden, verändert, ja verfälscht (tahrîf) worden und liegen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Reinheit vor. Folglich ist jetzt der Islam die einzig unverfälschte, wahre Religion.

 

III. Christliche Sicht

 

Das prophetische Charisma ist wesentliches Element der biblischen Tradition des Alten und Neuen Testaments.(7) Es erreicht seinen Höhepunkt in Christus, dem menschgewordenen Wort Gottes und dem Propheten par excellence. Jesus Christus ist „Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2). Es findet seine Fortsetzung in der Kirche, die prophetisch bleibt bis zum Ende der Zeiten, nicht nur in der Ausübung des Lehramtes sondern auch in seiner Gesamtheit als vom Heiligen Geist bewegtes Volk Gottes.

 

Der Geist der Prophetie kann jedoch außerhalb der Grenzen der sichtbaren Kirche aktiv sein. So war es schon im Fall der „Heiligen Männer und Frauen“ des Alten Testaments (Melchisedek, Ijob, die Königin von Saba …); Justinus, Märtyrer des 2. Jahrhunderts, machte in einer Anzahl von Philosophen und heidnischen Wahrsagern (den Sibyllen …) die Gegenwart von „Samen des Wortes [Gottes]“ (logoi spermatikoi – 2. Apol. 8,1) aus.

 

In jüngster Zeit sind einige Theologen noch weiter gegangen. Auf katholischer Seite z. B. Claude Geffré (Professor am Institut Catholique in Paris). In einer öffentlichen Äußerung während der Zweiten Muslimisch-Christlichen Begegnung in Tunis (1979) vertrat er die Meinung, dass die Offenbarung, deren Gesandter Muhammad ist, ein Wort Gottes sei, während Christus, der mehr als ein Prophet ist, in der Tat das Wort Gottes sei. In der Folge anerkannten die Theologen, die zur GRIC (Groupe de Recherche Islamo-Chrétiens, gegründet 1977) gehören, im Koran „ein Wort Gottes, genuin aber verschieden …“ von dem Wort Gottes in Jesus Christus. Die Unterschiede und selbst die Widersprüche (wie z. B. die koranischen Verneinungen so zentraler christlicher Glaubensmysterien wie Inkarnation und Dreieinigkeit) seien das Resultat menschlicher Vermittlungen, den „unvermeidlichen“ Kanälen von Gottes Wort.(8)

 

Unter nicht-katholischen Theologen stoßen wir auf eine ähnliche Entwicklung. In seinem Werk Muhammad and the Christian (1987) lädt der anglikanische Bischof und weltweit anerkannte Kenner des Islam, Kenneth Cragg(9), die Christen ein, offen anzuerkennen, dass Muhammad wirklich ein Prophet war. Gleichzeitig hält er daran fest, dass Jesus „mehr als ein Prophet“ ist.

 

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) hat, ohne eine definitive Position in dieser Sache zu beziehen, einem allgemeinen Geist der Offenheit der Kirche im Hinblick auf den Islam zum Durchbruch verholfen, ohne allerdings Muhammad direkt mit Namen zu nennen(10): „Die Kirche betrachtet die Muslime mit Hochachtung“ (dies ist in der Tat neu!), und das Konzil erwähnt die Hauptdogmen und Riten des Islam, die solche Hochachtung verdienen, ohne die wesentlichen Unterschiede zu leugnen. Die Aufforderung des Konzils an die Christen, die Muslime als Gläubige und Praktizierende des islamischen Monotheismus hoch zu achten, impliziert die Absage an alle polemischen und negativen Aussagen über Muhammad in der Vergangenheit. Denn er ist der Gründer dieser Gemeinschaft und ihr „schönes Modell“ (Sure 33,21), wie der Koran sagt. Papst Paul VI. (1897–1978) und Johannes Paul II. haben diesen Geist der Brüderlichkeit im Glauben an den Einen Gott gefördert, jedes Mal wenn es ein Treffen mit Muslimen gab, am eindrücklichsten in den Ansprachen Johannes Pauls II. an die Christen der Türkei (Ankara, November 1979) und an die jungen Muslime im Stadion von Casablanca (17. August 1985), wo der Papst von genuiner geistlicher Bruderschaft zwischen dem Christentum und dem Islam sprach.

 

Regionale Bischofskonferenzen und Seminare von Theologen haben sich ebenfalls in dieser Richtung geäußert, manchmal in allgemeinen Begriffen, wie z. B. die Internationale Theologische Konferenz von Nagpur (Indien, 1971), die feststellte: „Die Heiligen Schriften und die Riten der Weltreligionen können, zu unterschiedlichen Graden, Ausdrucksformen einer göttlichen Manifestation sowie Heilswege sein“. Was Muhammad angeht, so lud Kardinal Tarancon, damals Erzbischof von Madrid und Vorsitzender der Bischofskonferenz Spaniens, in seiner Ansprache bei der Eröffnungssitzung des Zweiten Christlich-Muslimischen Kongresses von Cordoba (März 1977) die Christen ein, das prophetische Profil Muhammads anzuerkennen, besonders wegen seines Glaubens an Gott, seines Kampfes gegen die Vielgötterei und seines Durstes nach Gerechtigkeit. Schon im 8. Jahrhundert sagte der nestorianische Patriarch Timotheus I. genau dasselbe in seinem Dialog mit dem Kalifen von Bagdad, al-Mahdi: „Muhammad ist auf dem Pfad der Propheten gewandelt“.

 

Damit werden Christen ermutigt, die religiösen und moralischen Werte anzuerkennen, welche im Leben der Muslime von Anfang an bis heute lebendig waren und weiterhin sind, solange eine solche Achtung nichts Wesentliches wegnimmt vom christlichen Glauben. So kann dem Christen der Weg eröffnet werden, im Koran ein Wort Gottes anzuerkennen, und in Muhammads Sendung etwas Prophetisches.

 

IV. Christen antworten

 

1. Wir sind davon überzeugt, dass es einen wahren Dialog nur auf der Ebene wahrer Partnerschaft geben kann. Dazu gehört wesentlich der Respekt vor dem Glauben des Gegenübers im Dialog. Genauso, wie ein Christ nicht verlangen kann, dass ein Muslim als Vorbedingung für einen echten Dialog erst einmal glauben müsse, Jesus sei der Sohn Gottes, so kann es ein Muslim dem Christen gegenüber nicht zur Bedingung für einen Dialog machen, er müsse erst einmal glauben, Muhammad sei „das Siegel der Propheten“ und der Koran das letztgültige Kriterium für alle Heiligen Schriften. Denn dies würde bedeuten, dass ein Christ Muslim werden müsste, bevor ein interreligiöser Dialog beginnen könnte (oder umgekehrt). Wäre dem so, dann könnte überhaupt kein interreligiöser Dialog stattfinden(11).

 

2. Auch wir Christen verehren die meisten der im Koran genannten Propheten. Allerdings kennt die Bibel eine ganze Reihe weiterer Propheten, von denen einige, wie z. B. Jesaja, Jeremia, Ezechiel, von herausragender Bedeutung sind. Andererseits gehören einige der im Koran erwähnten Propheten ausschließlich der arabischen Tradition an, ohne in der Bibel erwähnt zu werden. Was Christen und Muslime jedoch über die Frage von Namen, Anzahl und Verkündigung der Propheten hinaus eint, ist der gemeinsame Glaube an den einen Gott, „der zu den Menschen gesprochen hat“, wie es das Zweite Vatikanische Konzil in Nostra Aetate, 3 formuliert. Christen und Muslime stützen sich als Gläubige also nicht nur auf den Verstand, um Gott zu entdecken, wie es „die Philosophen“ tun. Vielmehr empfangen sie im Glauben an das Wort, das sie von Gott her durch die Propheten übermittelt wissen, sozusagen Gott von Gott und unterwerfen sich seinem Wort (was die Worte islâm und muslim genau zum Ausdruck bringen).

 

3. Der wesentliche Unterschied zwischen Christentum und Islam liegt in Folgendem: Für den Muslim erreicht die prophetische Offenbarung ihren Höhepunkt und ihr Ende in Muhammad, dem „Siegel der Propheten“; für den Christen erreicht die Offenbarung ihren Höhepunkt in Jesus Christus, dem Wort Gottes, das Mensch wurde, am Kreuz starb und als auferstandener Herr die Fülle (pleroma) der Offenbarung darstellt. Man sollte es daher im interreligiösen Gespräch vermeiden, Jesus als „das Siegel der Propheten“ zu bezeichnen, denn diese Aussage ist spezifisch islamisch besetzt. Ihre Anwendung würde das interreligiöse Gespräch eher verhindern als fördern.

 

4. Aber die vom christlichen Glauben bekannte Fülle der Offenbarung in Jesus hindert Christen nicht, anzuerkennen, dass Gott sich auch anderswo der Menschheit kundgetan hat, vor und auch nach Jesus. Was den Koran und Muhammad angeht: Man könnte anerkennen, dass der Koran ein Wort Gottes enthält, und zwar nicht nur für die Muslime, sondern für alle Menschen und damit auch für mich persönlich. In der Tat kann ich in der mächtigen Verkündigung des einen und transzendenten Gottes des von Muhammad überbrachten Koran eine Erinnerung an ein wesentliches Element der Botschaft Jesu selbst erkennen und eine Einladung, in tieferem Einklang mit dieser Botschaft zu leben. So gesehen erkenne ich als Christ in gläubiger christlicher Antwort auf die durch den Koran verkündete Botschaft an, dass Muhammad von Gott die Sendung erhalten hat, diesen wesentlichen Aspekt der Wahrheit, nämlich die Einheit und Transzendenz Gottes, zu verkünden. Es ist ein Aspekt der Wahrheit, dem nicht zuletzt in der modernen Welt weitgehender Gottvergessenheit eine enorme Bedeutung zukommt.

 

5. Indem sich Christen und Muslime zusammenfinden im bezeugenden Mitteilen dieser Grundwahrheit und sich gemeinsam „hingeben“ (islâm) an das Werk Gottes, wie es uns durch unsere jeweiligen Offenbarungen übermittelt worden ist, und sofern Christen und Muslime Gottes Plan und Willen für die Welt tiefer erfassen und wirksamer bezeugen wollen, werden sie selbst zu Übermittlern dieses prophetischen Wortes Gottes für unsere Welt.

 

Exkurs

 

Jacques Jomier OP, ein bedeutender christlicher Theologe und Islamkundler, stellt in seiner Einführung in den Islam bemerkenswerte Überlegungen zur Bedeutung Muhammads für das Christentum an.(12)

 

Das Christentum zur Zeit Muhammads benötigte eine Reform, eine Erneuerung im Geiste Jesu. Jomier schlägt daher vor, aus christlicher Sicht von Muhammad als Reformer zu sprechen und ihm das Charisma eines guide réformiste zuzuschreiben. Dagegen sei es eher verwirrend, wenn Christen den Begriff Prophet (im christlich-theologischen wie im muslimisch-theologischen normativen Sinn verstanden) auf Muhammad beziehen.

 

1. Wird dem Begriff Prophet eine absolute Bedeutung gegeben, dann bezeichnet er jemanden, dessen Worte, die er im Namen Gottes verkündet, alle mit göttlicher Autorität ausgestattet sind und die somit Anspruch auf allgemeinen Gehorsam haben. So verstanden kann dieser Titel von Christen dem Gründer des Islam nicht zuerkannt werden. Christen als solche können Muhammad nicht rückhaltlos gehorchen, es sei denn, sie werden Muslime. Muhammad als einen Prophet im strengen Sinn zu akzeptieren, d. h. ihm Glaube und Gehorsam zu schenken, ist für Christen nicht möglich. Christen werden den Titel Prophet in Bezug auf Muhammad stets nur mit Einschränkungen verwenden können, mit anderen Worten, sie werden nicht alles akzeptieren, was dieser Prophet sagt, sondern einiges akzeptieren und anderes zurückweisen. Es ist klar, dass Muslime ihrerseits jegliche selektive Einstellung gegenüber Muhammad als wahrem und letztem der wahren Propheten für verwerflich halten.

 

2. Christen akzeptieren, als Teil der allgemeinen Religionsgeschichte, dass die Propheten der hebräischen Bibel, die das Kommen Christi vorbereiteten, eine einmalige Stellung einnehmen. Selbst kleine Propheten, wie z. B. Zefania, nehmen an dieser Einmaligkeit teil. Obwohl sie als die „kleinen“ Propheten bezeichnet werden, stehen sie innerhalb der gesamten Prophetenreihe der hebräischen Tradition. Sie und die Texte, die auf sie zurückgehen, inspirieren das Gesamt des Glaubens der Kirche. Der Titel Prophet im religiös-theologischen Sinn sollte von Christen nicht auf Muhammad angewandt werden. Wir würden ihn in diesem Fall in einem sehr eingeschränkten Sinn verwenden, den der muslimische Glaube so nicht akzeptieren kann. Es ist deshalb vorzuziehen, dass Christen gegenüber Muhammad eine andere Sicht gewinnen: diejenigen Wahrheiten anerkennen, die die islamische Botschaft enthält, den geistlichen Weg der Muslime anerkennen und respektieren, und ferner anerkennen, dass Muhammad ein religiöses und politisches Genie war. Wir sollten anerkennen, dass durch Gottes Gnade innerhalb des Islams – geformt durch den Koran und durch das Beispiel Muhammads – zahlreiche Gläubige eine echte Beziehung zu Gott leben.

 

3. Schließlich kann der Islam, wenn wir ihn im Kontext der Religionsgeschichte betrachten, als ein Versuch gedeutet werden, Judentum und Christentum radikal zu reformieren, radikal allerdings bis zu der Entstellung der wesentlichen Züge dieser beiden Traditionen. Man könnte den Islam (und seinen Propheten Muhammad) grob und mutatis mutandis vergleichen mit anderen großen Reformbewegungen und ihren Gründern im Laufe der Geschichte. Der Islam entstand in einer Umwelt, die vom Juden- und Christentum geprägt war. Dieses Christentum war allerdings durch Spaltungen und dogmatische Streitigkeiten zerrissen. Aus der von Muhammad angestrebten Reform des Juden- und Christentums entstand jedoch eine neue, unabhängige Bewegung. Diese warf Licht auf bestimmte Punkte des existierenden Juden- und Christentums, wie z. B. auf die ausschließliche Einheit, Transzendenz und Herrschaft Gottes und die Einladung aller zum Heil. Aber sie lehnte auch andere, wesentliche Elemente ab. Könnte es nicht sein, dass der Islam in dieser spezifischen Konstellation mit der Aufgabe betraut war, die Kirche dazu zu bringen, sich zu reformieren? Auch wenn wir dies so sehen können, bedeutet das keineswegs, dass wir diejenigen Wahrheiten verneinen müssten, die in den Islam keinen Eingang gefunden haben(13).

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  • (5) Ein grob rechteckiges Gebäude, heute etwa in der Mitte der großen Moschee von Mekka gelegen. Sie ist das Zentralheiligtum des Islam.
  • (6) Hidschra = Auswanderung des Propheten Muhammad von Mekka nach Yathrib (später Medina, i. e. „die Stadt [des Propheten]“ genannt) im September 622.
  • (7) Werner H. Schmidt/Gerhard Delling führen im Wörterbuch zur Bibel (Hamburg: Furche 1971) S. 442, unter dem Stichwort Prophet Folgendes aus: „Der Prophet sagt Zukunft an; er geht nicht von der Gegenwart aus, um in eine unbekannte Zukunft hinauszuschreiten, sondern nimmt umgekehrt das kommende Geschehen vorweg. Er will zunächst auch nicht Gesetz verkünden, Schuld darlegen, die herrschenden Zustände kritisieren, sondern Gericht ankündigen oder Heil verheißen; die Gegenwart soll sich auf das einstellen, was bevorsteht. Erst die Ahnung der Zukunft führt zur Einsicht in die vorhandene Wirklichkeit und den Lauf der Dinge – nicht umgekehrt.“
  • (8) GRIC, Ces Ecritures qui nous questionnent: La Bible et le Coran [Befragt durch die Heiligen Schriften: Die Bibel und der Koran], Paris: Ed. Le Centurion, 1987, 160 pp.
  • (9) Kenneth Cragg, Muhammad and the Christian: a question of Response. London: Darton, Longman and Todd, and New York: Orbis, 1987, 180 pp.
  • (10) Lumen Gentium, 16 – Nostra Aetate, 3.
  • (11) Was hier gesagt wird gilt, im Kontext des Dialogs zwischen einem Christen und einem Muslim, der seinem oder ihrem christlichen oder muslimischen Glauben treu bleiben will. Selbstverständlich hat der Christ die Pflicht, ebenso wie der Muslim vom recht verstandenen Koran her, jedem menschlichen Wesen die jeweilige Frohe Botschaft zu verkünden. Das Problem ist, wie dies geschehen sollte. Diese Frage liegt außerhalb des hier behandelten Fragenkomplexes.
  • (12) How to Understand Islam (London: SCM Press, 1989), S. 140–148.
  • (13) Siehe bes. die Kapitel: ‚Die Gottheit Jesu und die Inkarnation‘; ‚Kreuz, Sünde, Erlösung‘; ‚Gott der Dreieine‘.

Kontakt

J. Prof. Dr. T. Specker,
Prof. Dr. Christian W. Troll,

Kolleg Sankt Georgen
Offenbacher Landstr. 224
D-60599 Frankfurt
Mail: fragen[ät]antwortenanmuslime.com

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