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Kreuz, Sünde, Erlösung

I. Muslime fragen

  • Wie kann der ewige Gott leiden und an einem Kreuz sterben? Wie kann Gott einen so großen Propheten wie Jesus den Händen seiner Feinde überlassen? Wie kann der Vater seinen Sohn am Kreuz preisgeben? Dies alles ist schlechthin Blasphemie.
  • Der Tod einer unschuldigen und gerechten Person kann die Sünden anderer weder wegwischen, noch kann er sie von ihren Sünden erlösen. Dass eine unschuldige anstelle der schuldigen Person sterben soll, stellt eine schreiende Ungerechtigkeit dar.
  • Die Vergebung der Sünden durch Gott verlangt ein solches Opfer in keiner Weise. Gott ist allmächtig und vergibt allen Menschen ihre Sünden; es genügt, dass sie umkehren, oder auch nur, dass sie ihrem muslimischen Glauben treu bleiben. Gott ist gütig, er ist kein unbarmherziger Richter.
  • Warum müssen alle Menschen die Folgen der Sünde Adams tragen und werden aufgrund der Sünde Adams für schuldig befunden? Wie kann ein neugeborenes Kind ein Sünder sein, wo es doch noch keine Sünde begehen konnte? Ist nicht jeder einzelne Mensch für seine Taten verantwortlich?
  • Die menschliche Natur ist doch nicht radikal böse. Warum der christliche Pessimismus? 
  • Ist es wahr, dass heutige christliche Theologen die Auffassung ablehnen, das gesamte jüdische Volk sei aufgrund seiner Mitwirkung am gewaltsamen Tod Jesu von Gott verworfen worden?

 

II. Muslimische Sicht

 

Allgemein

 

Jeder ist verantwortlich für die eigenen Taten und wird für sie persönlich belohnt oder bestraft werden. Der Gedanke, dass die Kinder mit den Sünden ihrer Väter behaftet sind, sowie die Idee, dass jemand für andere sühnen soll, ist absurd und leuchtet in keiner Weise ein.

 

Sünde – ausgenommen der Abfall vom Glauben und das „Gott-jemand-oder-etwas-gleichstellen“ (schirk) – ist nicht so gravierend. Sie besteht hauptsächlich im Brechen moralischer und sozialer Konventionen (harâm), im schlimmsten Fall im Brechen des Gott-gegebenen Gesetzes (scharî’a). Sie stellt jedoch keinen Angriff auf Gott selbst dar. Er ist zu groß und erhaben, als dass er durch die Sünden seiner Geschöpfe verletzt werden könnte. Gott in seiner Allmacht und Güte vergibt mit einer souveränen und freigebigen Leichtigkeit. Man kann als guter Muslim gelten, auch wenn man das Gesetz nicht immer und in jeder Hinsicht befolgt.

 

Das Kreuz versinnbildet den Skandal der Inkarnation in ihrer ganzen Radikalität: ein menschgewordener Gott, der als „Verfluchter“ stirbt. Die Kreuzigung Christi wird vom Koran ausdrücklich verneint und empört zurückgewiesen. Das Kreuz hat auch in der Geschichte Unheilvolles bewirkt. Es diente als Symbol in Unternehmungen, die kaum als Zeugnis für christliche Liebe gelten können: in den Kreuzzügen, die sowohl in den westlichen Sprachen wie auch im Arabischen mit dem Wort „Kreuz“ verbunden sind (salîb – al-hurûb al-salîbiyya: die Kriege unter der Fahne des Kreuzes), im Kolonialismus mit seiner engen Verflochtenheit von Machtpolitik und christlicher Religion, in der Verteidigung des christlichen Westens, etwa im Kampf Frankreichs gegen die Befreiung in Algerien. Auch heute werden Spannungen zwischen der Welt des Islam und dem Westen immer wieder mit den Symbolen Halbmond und Kreuz belegt.

 

Selbst noch in unseren Tagen bekennen die Christen die Heilsbedeutung des Kreuzes. In Katechismen und erbaulichen Schriften heißt es: „Christus sühnte für uns“ … „Im Angesicht der göttlichen Gerechtigkeit hat er Genugtuung getan für unsere Sünden“ … „Durch die Sünde Adams und Evas sind wir alle schuldig geworden …“

 

Im Einzelnen

 

1. Mensch und Sünde

 

Der Koran erzählt von der Sünde Adams in Worten und in einem Kontext, der dem der Bibel sehr nahe steht (Sure 2,30–38; 7,19–27; 117–128). Der Befehl Gottes hatte besagt, dass der Mensch nicht vom Baum des Lebens essen dürfe. Adams Sünde und die seiner „Gattin“ (Eva wird im Koran namentlich nicht genannt) besteht darin, dass sie sich gegen Gottes Befehl auflehnen. Jedoch ist es wichtig festzuhalten: Adam kehrt um und Gott vergibt ihm. So kann er die Reihe der sündlosen Propheten eröffnen.

 

Die Sünde Adams hat Konsequenzen für seine Nachkommen. Sie bleiben vom Paradies ausgeschlossen. Sie sind der Versuchung durch Satan ausgesetzt. Ihr Zusammenleben ist von Unfrieden geprägt. In anderen Versen jedoch protestiert der Koran mit Vehemenz gegen jegliche Idee einer kollektiven Verantwortung: Mehrmals wird die Aussage wiederholt: „Keine lasttragende (Seele) trägt die Last einer anderen“ (Sure 6,164; 7,28; 17,15; 35,18; 39,7). Die Tatsache, dass „unsere Väter“ gesündigt haben, kann eigene Vergehen nicht entschuldigen. Jeder ist aufgefordert, sich persönlich verantwortlich zu wissen. Das Letzte Gericht wird strikt persönlich sein. Jeder wird Rechenschaft ablegen am Jüngsten Tage (Sure 52,21; 53,38; 56,4–11; 82,19; und besonders 99,7–8: „Wer nun Gutes im Gewicht eines Stäubchens tut, wird es sehen. Und wer Böses im Gewicht eines Stäubchens tut, wird es sehen“).

 

Und doch anerkennt der Koran, dass der Mensch von Natur aus zum Bösen neigt. Wenn er vom Menschen im allgemeinen (al-insân) spricht, sagt er fast immer von ihm aus, er sei „rebellisch“ (’asî), „undankbar bzw. ungläubig“ (kâfir), gewalttätig, ungeduldig, streitsüchtig und unzuverlässig (Sure 2,75; 3,72; 5,61; 6,43; 7,94–95; 14,34; 17,11.67.100; 18,54–55; 21,37; 33,72; 48,26). Er vergießt Blut und stiftet Unheil (Sure 2,30), vom ersten Blutvergießen an, der Ermordung des einen Sohnes Adams durch den anderen (Sure 5,27–32), bis zum Blut der Propheten, die von den Kindern Israels getötet wurden (Sure 2,61; 3,21.112.181.183; 4,155; 5,70). Der Koran spricht von „der Seele, die mit Nachdruck das Böse gebietet“ (Sure 12,53).

 

Darüber hinaus spricht der Koran von der Solidarität aller Menschen sowohl in der Sünde wie in guten Taten. Die Bösen bringen Gottlosigkeit hervor, die Verlorenen versuchen in die Irre zu führen (Sure 2,109; 3,69.98.110; 5,49) und sie tun sich zusammen gegen Gott (Sure 5,78; 8,73; 21,54). Die Gläubigen dagegen üben Solidarität und helfen einander, indem sie sich gegenseitig auffordern zum Tun des Guten (Sure 4,114; 9,71; 60,10).

 

Was Fürsprache (schafâ’a) angeht, so sagen die muslimischen Theologen im Sinne des Korans, dass jeder Prophet für sein Volk Fürsprache einlegen wird (Sure 24,62; vgl. 3,159; 4,54; 8,33). Ganz besonders tut dies Muhammad für seine Nachfolger, die Muslime, allerdings immer nur „mit der Erlaubnis Gottes“, und wenn der Gläubige um seine Fürsprache gebeten hat (Sure 2,255; 10,3; 19,67). In Sufikreisen stellt man eine Tendenz fest, die Zahl der Fürsprecher (walî/auliyâ’: Heilige, Freunde Gottes) zu erhöhen, auf das Risiko hin, dass man zu Aberglaube ermuntert und sich den Tadel der Theologen einhandelt.

 

2. Das Kreuz

 

Der Tod Jesu am Kreuz wird vom Koran ausdrücklich verneint: „Sie (die Juden) haben ihn aber nicht getötet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt.“ (Sure 4,157; vgl. 3,55). Wie immer die Koranausleger dieses „Es erschien ihnen“ (schubbiha lahum) auslegen, es bedeutet: Ein Substitut (Ersatz) (der Anführer der Römer, Simon von Cyrene oder Petrus) sei für Jesus eingetreten und an seiner Stelle gekreuzigt worden. In der muslimischen Tradition in ihrer Gesamtheit besteht kein Zweifel daran: Jesus wurde nicht gekreuzigt, sondern Gott nahm ihn schützend hinweg aus der Reichweite seiner Feinde und erhob ihn zu sich in den Himmel. Er wird wiederkommen am Ende der Zeiten als Ankünder der unmittelbaren Ankunft des Letzten Tages.

 

Es ist wichtig, dass wir verstehen, warum Koran und Islam dazu kommen, ein Ereignis zu leugnen, das doch als ein historisch gesichertes Ereignis der Geschichte gilt. Mehr als der Einfluss doketischer und gnostischer Strömungen ist es wohl die Eigenart des Monotheismus des Korans selbst, die zu dieser Schlussfolgerung führt. Im Koran sind die Erzählungen, die von der einen Linie der Propheten berichten, alle in ein und dieselbe Form gegossen: Der Prophet, der zu seiner Nation gesandt ist, wird von ihr zurückgewiesen, ausgenommen eine kleine Zahl; die Leute wollen ihn töten, aber Gott rettet ihn durch ein Wunder. Denn Gott kann seinen Gesandten nicht seinen Feinden überantworten. Die Geschichte Jesu folgt genau demselben Schema. Allerdings tadelt der Koran in Medina die Kinder Israels, die Vorfahren der Juden Medinas, dafür, dass sie die Propheten getötet haben.

 

3. Die Vergebung der Sünden

 

Gott wird sehr oft als der, der reich an Vergebung ist, dargestellt. Die Umkehr des Sünders und die Vergebung Gottes sind aufeinander bezogen. Ja, die Vergebung Gottes geht der Umkehr des Menschen sogar voraus und verursacht sie (Sure 9, 118). Die muslimischen Theologen werden sagen, dass Umkehr Sünden auswischt: fast „automatisch“ nach der Lehre der Mu’taziliten; „So Gott will“, sagen dagegen die Asch’ariten, die paradoxerweise hinzufügen, dass menschliche Umkehr und göttliche Vergebung sich gegenseitig ausschließen. Wenn ein Mensch bereut und umkehrt, sind seine Sünden weggewischt; tut er es jedoch nicht, dann kann Gott dennoch vergeben. Jedenfalls sagt dieselbe asch’aritische Lehre, dass, wer immer „ein Atom vom (muslimischen) Glauben“ in seinem Herzen bewahrt, ins Paradies eingehen wird. Der Koran sowie die modernen Theologen insistieren dagegen auf dem Wert der guten Taten und Werke.

 

III. Christliche Sicht

 

1. “Die „Erbsünde“

 

In unseren Tagen sind sich wohl die meisten christlichen Exegeten und Theologen über die Bedeutung der Texte in Gen 3 und Röm 5,12–21 einig. Diese Texte stellen keine wissenschaftliche Erklärung des Ursprungs der Menschen auf Erden und der Phasen ihrer Evolution dar, sondern sie drücken in einer symbolischen Geschichte eine Überzeugung aus, die durch die allgemeine Beobachtung von Übel und Sünde in der Welt ausgelöst wird.

 

Solange es Menschen auf der Erde gibt – wie immer man auch die Anfänge des Menschen erklären mag – ist die Sünde präsent gewesen: individueller und korporativer Egoismus, mörderische Auseinandersetzungen, Revolte gegen Gott und seine Gebote, Idolatrie … jeder Mensch erfährt in sich selbst den Kampf zwischen dem Guten, das er tun möchte und dem Bösen, das ihn anzieht (Röm 7,21–25). Diese Anziehungskraft des Bösen hat ihre Wirkung bis ins Innerste der Menschheit. Jedes Kind trägt sie von Geburt an in sich. Der Mensch erfährt sich spontan nicht nur im Einklang mit dem Willen Gottes, in Freundschaft mit ihm, sondern er „erbt“ eine „Natur“, die geprägt ist von einer langen Geschichte von Gut und Böse und besonders durch ein Netzwerk von persönlicher Schuld, welches die Verständigung und Einheit der Menschen untereinander und mit Gott verdirbt; die Hl. Schrift nennt dies „die Sünde der Welt“. So kommt Paulus zu dem Schluss: Jeder Mensch, ob Jude, Grieche oder Heide, ist angewiesen auf die vergebende Gnade Gottes, die in Jesus Christus offenbar geworden ist. In der Taufe unterstellen sich die Gläubigen dem Herrschaftsbereich Christi, in dem die „Macht“ der Sünde (als vorgegebenes, von der persönlichen Sünde verschiedenes „Milieu“) gebrochen ist.

 

Die Rede von der „Erbsünde“ meint also nicht eine persönliche Sünde, die jeden Menschen von Geburt an schuldig machen würde. Kein Text der Bibel oder des Lehramtes erlaubt es uns, von einer Übertragung persönlicher Schuld zu sprechen. Der Prophet Ezechiel protestiert in Kapitel 18 vehement gegen diese Idee, und Jesus macht sich diese Verneinung zu Eigen (Joh 9,2–3; Mt 16,27).

 

2. Kreuz und Erlösung

 

Der Glaube an die Erlösung durch das Kreuz hat in der Tat auch fragwürdige Formulierungen und ungesunde Ausrichtungen im Bereich religiöser Lebensorientierung hervorgebracht: etwa eine Art religiöser Verklärung des Leidens (‚Dolorismus‘), die zuweilen an Masochismus grenzte; das Ideal eines passiven Gehorsams; eine Mentalität, die Rechnungen aufstellt mit der göttlichen Gerechtigkeit; das Verlangen nach Wiedergutmachung durch freiwilliges Erleiden von Strafe oder „in Stellvertretung“ usw. Auch das heute zuweilen begegnende Anpreisen des höchsten Lebensopfers eines Revolutionsführers im „heiligen“ Kampf für Gerechtigkeit und Befreiung könnte man dieser Kategorie zuordnen. So ist es angebracht, uns einige grundsätzliche christliche Wahrheiten ins Gedächtnis zu rufen.

 

2.1 Das Kreuz als Konsequenz des Lebens Jesu

 

Zunächst einmal ist das Leben Jesu befreiend und erlösend. Durch seine innerlich freie Haltung gegenüber dem religiösen Gesetz, das teilweise gegen den ursprünglichen Willen Gottes ausgelegt wurde und so den Menschen unnötige Lasten auflegte (vgl. Mt 11,28; 23,4; Lk 11,46) und durch seine Treue in der Offenlegung des wahren Angesichtes Gottes als eines Vaters, der alle Menschen ohne Vorbedingungen liebt, zog Jesus sich die Feindschaft der Anführer seines Volkes zu. Diese Anführer verurteilten Jesus, in Komplizenschaft mit denen, die von Jesus enttäuscht waren, zum Tode. Sie übergaben ihn der Macht der Römer, die ihn nach ihren Gesetzen mittels der klassischen, grausamen Strafe der Kreuzigung töteten. Der gewaltsame Tod Jesu ist innere Konsequenz dessen, was Jesus in seinem Leben bewegte.

 

Jesu Tod am Kreuz schien seinen Gegnern endgültig Recht zu geben: Sein Anliegen konnte nicht wahr und der Realität entsprechend sein, weil er sonst nicht so von Gott und aller Welt verlassen hätte sterben dürfen. Die Jünger, die geglaubt hatten, dass in Jesus Gott selbst wirksam geworden und sein Reich nahe gekommen sei, sahen sich getäuscht. Gott musste doch anders sein, als Jesus ihn vorgestellt hatte.

 

Wenn die Jünger nicht in dieser Enttäuschung bleiben, sondern sich von neuem zu Jesus als dem Offenbarer Gottes bekennen, so beruht dies darauf, dass ihnen die Augen geöffnet werden und sie Jesus, den Gekreuzigten, in neuer Weise sehen und ihm folglich in neuer Weise begegnen können.

 

Der Kreuzestod Jesu muss demnach nicht unbedingt als Beweis dafür angesehen werden, dass Jesus doch Unrecht hatte, Gott als bedingungslose Liebe zu verkünden und sich entsprechend zu verhalten. Erhard Kunz SJ schreibt dazu:

 

„Man kann den Tod Jesu auch als eine innere und tiefste Konsequenz eben dieser Liebe selbst verstehen, so dass das Anliegen Jesu durch das Kreuz nicht als Täuschung erwiesen, sondern in neuer Weise zur Geltung gebracht wird. Denn wer liebt und einem anderen gut ist, ohne Voraussetzungen und Vorbedingungen seiner Liebe und Güte zu fordern, der bleibt bei dem anderen, gleichgültig in welcher Situation sich dieser befindet. Er wendet sich dem anderen zu, auch und gerade, wenn dieser in Not ist. Wer im Sinne Jesu liebt, der scheut das Leid nicht; er hält sich nicht aus ihm heraus, sondern nimmt an ihm teil; er ist mit-leidend. In einer Welt, in der es Not und Elend gibt, führt die Liebe also ins Leid hinein (vgl. Lk 10,30–37). Die im Sinne Jesu verstandene Liebe trennt sich auch dann nicht von dem anderen, wenn dieser dem Bösen verfallen ist. Sie erträgt das Böse und sucht es durch Güte zu überwinden. Indem sie die Ungerechtigkeit und Gewalt aushält, ohne sich selbst erbittern zu lassen, unterbricht sie den Kreislauf des Bösen, der auf dem Prinzip der Vergeltung beruht (‚Auge um Auge‘!). Gegenüber der Liebe, die nicht zurückschlägt, wenn sie geschlagen wird, läuft sich das Böse gleichsam tot. Auf diese Weise siegt die Liebe über das Böse. In einer Welt, in der das Böse gilt, führt die Liebe so zum Erleiden ungerechter Gewalt, im äußersten Fall zum Erleiden eines ungerechten Todes (vgl. Mt 5,38–48).

Wenn Jesus in einer leidenden und bösen Welt Gott als bedingungslose und grenzenlose Liebe zur Geltung bringen will, dann wird er dem Leiden und dem Ertragen ungerechter Gewalt nicht entgehen können. Das Betroffensein von Not und Gewalt ist daher kein Einwand gegen das Anliegen Jesu, sondern ist im Gegenteil der Weg, wie in unserer Welt bedingungslose Liebe überhaupt wirksam werden kann. Das Gute, welches die Liebe anstrebt, kann in unserer Welt nur durch das Mit-leiden und durch das Aus-leiden des Bösen hindurch erreicht werden. Nur wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt, kann es Frucht bringen (Joh 12,24). In dieser Perspektive erscheint das Sterben Jesu am Kreuz nicht als fatales Ende, das alles Vorhergehende als Schein und Täuschung entlarvt, sondern als innere Erfüllung des Wirkens Jesu. In seinem Leiden und Sterben liebt Jesus bis zur Vollendung (Joh 13,1)“.(4)

 

2.2 Allein die Auferstehung verleiht Jesu Tod eine erlösende Bedeutung

 

Indem Gott Jesus von den Toten erweckt, sanktioniert er die innere Bedeutung, die er Jesu Leben und Tod gegeben hatte. Indem er ihn vom Tod zum Leben erweckt, macht er ihn gegenwärtig im Leben aller Menschen aller Zeiten. Die Bedeutung des Lebens und Todes Jesu wird uns so gegenwärtig und unter uns wirksam als „etwas Zeitgenössisches“. Weil Jesus als der Auferweckte in Gott lebt und gegenwärtig ist, kann er auch jetzt noch – wie in seinem Leben vor der Auferstehung – Menschen Gottes vergebende Liebe mitteilen. Als der Auferstandene hat er die Macht, von Sünde und Tod zu befreien. Daher ist jede Person erlöst, sofern er oder sie akzeptiert, in Jesu Leben einzutreten, d. h. mit und in ihm dieselbe Treue zur Wahrheit, die von Gott kommt, zu leben, die Brüder und Schwestern bis zur Hingabe des Lebens zu lieben und den Gegnern und Feinden bedingungslos zu vergeben. In dieser Weise wird die Kette des Hasses gebrochen, welche beide, Täter und Opfer, unter ein und demselben Joch versklavt und gefangen hält. In einem Wort: Durch die Auferweckung Jesu macht Gott die Liebe zum Sieger über den Hass.

 

Jesus ist Herr, Heiland und Erlöser durch seine Auferstehung, welche sein vorbildliches Leben und seinen Tod in eine wirkliche Macht der Befreiung von den Fesseln der Sünde und des Todes verwandelt und es den Menschen möglich macht, in das Leben des Sohnes Gottes einzutreten.

 

Folglich können wir mit der Heiligen Schrift sagen: Jesus starb nicht nur „um unserer Sünden willen“, d. h. als Opfer der so allgemein verbreiteten Missverständnisse, des Egoismus und des Hasses, die uns ständig begleiten, sondern „für uns Sünder“, d. h. um uns den Weg zur Befreiung von unseren Sünden zu eröffnen und die Kraft und Gnade zu dieser Befreiung zu erlangen.

 

2.3 Die Reflexion der frühen Christen über Jesu Leben und Tod

 

Die Jünger Jesu, Frauen und Männer, sind ganz und gar überrascht von der Auferstehung. Nachdem sie zur Erfahrung und Überzeugung vom endgültigen Scheitern und Untergang dieses Propheten gekommen waren, wurden sie von der Erfahrung der Gegenwart des auferweckten Jesus im Heiligen Geist überwältigt. Sie verkünden nun, dass er „Herr und Erlöser“ ist. Es ist ganz natürlich, dass sie nach einer Erklärung für seinen skandalösen Tod suchen. Dabei helfen ihnen die Denkmuster, die ihnen ihre biblische Kultur nahelegt. So etwa das Thema des Erzzeugen, bzw. Erzmärtyrers, der in seiner freien und totalen Hingabe seine Treue gegenüber der Sendung bezeugt, die ihm vom Vater gegeben wurde (Joh 10,18; 18,37; vgl. Agp 1,5; 3,14); das Thema des Leidenden Knechtes, der für die Sünden seines Volkes stirbt (Jes 50,5–8; 53,1–12); das Thema des Erlösers: Es ist Yahweh, der go¯’e¯l, der sein Volk „erlöst“, indem er es von der Knechtschaft Ägyptens befreit, es „ankauft“ (loskauft, befreit) als sein eigenes Volk (Ex 6,6–8; vgl. 2 Sam 7,23f; Jer 31,32); und schließlich das Thema des geistlichen Opfers. Er opfert sich selbst und nimmt so die Stelle aller unschuldig getöteten Opfer an und ein (Hebr 7,27; 9,12. 26. 28; 10,10.12–14; vgl. Röm 6,10; 1 Petr 3,18).

 

Diese Bemühung der frühen Christen, den Tod Jesu im Licht seiner Auferstehung verständlich zu machen, hat sich in den verschiedenen Schriften des Neuen Testaments niedergeschlagen. Das Vokabular der christlichen Tradition hat sich aus dieser Reflexion entwickelt, vom Hebräischen hinüber ins Griechische, Lateinische und andere Sprachen und ihre jeweiligen Kulturen: Martyrium, Erlösung, Freikauf, Sühne, Opfer, Wiedergutmachung, Stellvertretung.

 

2.4 Theologien der Erlösung

 

Aufbauend auf diesem Vokabular, es teilweise auch von seinen biblischen Wurzeln lösend, haben die Theologien der Erlösung die kulturellen Kontexte ihrer Zeit benützt, mit besonderem Augenmerk auf die rechtlichen Kategorien, die der lateinischen Welt so teuer sind. In dieser Weise hat sich entwickelt:

 

1. Die Theorie der Strafe (die lateinischen Väter, Augustinus): Die Sünde verlangt nach einer Strafe, die der Verfehlung ‚gleichwertig‘ ist. Christus nimmt die Strafe auf sich und erlöst uns, indem er die der göttlichen Gerechtigkeit entsprechende Schuld begleicht. Einige Väter gehen so weit zu sagen, dass Christus dem Teufel, der vom Menschen Besitz ergriffen hatte, die Schuld bezahlte.

2. Die Theologie der Substitution oder Genugtuung (Tertullian, mit Bezug auf das römische Recht; der hl. Anselm von Canterbury mit Bezug auf germanisches Recht): Sünde ist ein Vergehen gegen Gott. Da Gott unendlich ist, verlangt das Vergehen eine unendliche Wiedergutmachung. Der endliche Mensch ist nicht in der Lage, eine solche zu leisten; so stellt Gott in seiner Liebe ein „Mittel“ bereit, indem er seinen eigenen Sohn für den Menschen ‚substituiert‘. Auf diese Weise kann der Sohn der göttlichen Gerechtigkeit Genüge tun.

3. Im Mittelalter werden große Theologen, insbesondere Thomas von Aquin, den Plan der Liebe herausstellen, der in der Erlösung eingeschlossen ist. Gott hätte uns die Sünde unmittelbar vergeben können. Aber so einfach zu vergeben würde bedeuten, dass er dem Menschen wenig Wert zuschreibt. Gott wollte den Menschen teilhaben lassen an seinem Heil und Vergeben, zunächst in Christus, der wahrer Mensch ist, und dann in jedem Menschen. Jeder Mensch kann – durch reine Gnade „übernatürlich“ erhoben in das Leben Christi – durch Glaube und Umkehr, durch sein Leben und Sterben in Gehorsam, an der Vollendung seiner Erlösung mitwirken.

 

Von diesen Theologien sollten wir das Bemühen festhalten, dem ‚belastenden‘ Charakter des Erlösungsvorgangs Rechnung zu tragen (Straftheorie), die Tatsache, dass Christus eine sündige Menschheit auf sich genommen hat und deren Konsequenzen annimmt (Substitution), das Teilnehmen des Menschen an seiner Erlösung (Verdienst), Christi freiwillige Lebenshingabe (Opfer). Wir können jedoch ihren juridischen Rahmen fallen lassen. Vor allem aber dürfen wir den Tod Jesu am Kreuz nicht von Jesu Leben und Auferstehung trennen.

 

IV. Christen antworten

 

Erbsünde ist keine persönliche Sünde oder Schuld, die von Adam ererbt wurde. Die Erbsünde meint den allgemeinen Fehlzustand, der wegen der Sünden in der Welt herrscht und dem jeder Mensch von Beginn an verfallen ist. Sünde selbst ist eine persönliche Tat, und jeder ist verantwortlich für sich selbst. Gleichzeitig kann niemand den Hang zum Bösen in sich und die schlechten Einflüsse, die uns in Richtung des Bösen verführen können, ignorieren. Sünde hat auch soziale Auswirkungen. Sie fördert die Macht des Bösen in der Welt.

 

Der Kreuzestod Jesu ist ein historisches Faktum, das man nicht mit guten Gründen verneinen kann. Ich meine jedoch die Gründe verstehen zu können, die den Koran veranlassen, es dennoch zu verneinen: Er tut es, um Gottes gütige Vorsehung für die Seinen deutlich zu machen. Deshalb ist herauszustellen, dass nach christlichem Glauben Gott Jesus am Kreuz nicht fallengelassen hat, sondern ihn von den Toten erweckte und seinen Tod in Herrlichkeit verwandelt hat.

 

Außerdem: Es ist nicht so, dass Gott „Jesus dem Tod überliefert“, gleichsam ein vorher verfasstes Textbuch in Szene setzend, in dem alle Beteiligten wie Marionetten einfach ihre Rolle spielen. Jesus wurde von Menschen zum Tode verurteilt wegen der Haltung in seinem Leben gegenüber Gott und gegenüber dem Gesetz. Er war das Opfer der Mächte des Bösen: Hass, Ungerechtigkeit, Neid, Eigennutz… Mächte, die immer noch diese Welt prägen.

 

Mit Nachdruck hat das Zweite Vatikanische Konzil herausgestellt, dass die Sünde aller Menschen letztlich verantwortlich für Jesu Tod war. Das Konzil weigerte sich, die Nachkommen der Juden der Zeit Jesu oder gar das ganze jüdische Volk in Vergangenheit und Gegenwart, als verantwortlich für die Ablehnung und Tötung Jesu hinzustellen.

 

Erlösung ist nicht die Besänftigung eines rachesüchtigen Gottes, der zur Wiederherstellung seiner verletzten Ehre das Opfer eines Unschuldigen fordert, der für die Schuldigen Sühne leistet. Erlösung geschieht darin, dass Jesus in seinem Leben, Sterben und in seiner Auferstehung die vergebende, barmherzige Liebe Gottes wirksam offenbart. Durch das Beispiel des Einen, der sein Leben dahingibt für die, die er liebt (vgl. das arabische Wort al-fidâ’, welches im arabischen Osten mit Erlösung übersetzt wird), schenkt er den Menschen Gemeinschaft mit Gott und ermöglicht ihnen, aus der Liebe zu leben.

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  • (4) Geist und Leben, 46 (1973) 81–85. Dieses Zitat: S. 82.

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J. Prof. Dr. T. Specker,
Prof. Dr. Christian W. Troll,

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