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Die Kirche

I. Muslime fragen

  • Inwiefern gleichen sich Kirche und Umma (die Gemeinschaft der Muslime) und worin unterscheiden sie sich?
  • Was sind die Hauptunterschiede zwischen den christlichen Glaubensgemeinschaften und Kirchen?
  • Gibt es die Suche nach der Einheit der Christen?
  • Wie wird man Mitglied der Kirche? Was bedeutet die Taufe?
  • Wie ist die Kirche aufgebaut? Gibt es eine Entsprechung zum Moscheevorstand?
  • Wie sind in der Katholischen Kirche die Rolle des Papstes, seine Unfehlbarkeit (unfehlbar ma’sûm = von Sünden bewahrt), das kirchliche Lehramt und der Vatikanstaat zu verstehen?

II. Muslimische Sicht

 

Allgemein

 

1. Muslime verstehen sich als Glieder der Umma, der Gemeinschaft der Muslime, die in Gottes Augen alle gleich sind. Hier gibt es grundsätzlich keine Hierarchie, kein Lehramt, das mit Autorität über Glaubensfragen befindet, kein Priestertum und keinen Klerus. Jede(r) einzelne steht ohne jeden Mittler unmittelbar vor Gott.

 

2. Im Bewusstsein der Muslime steht die Einheit der Umma über den verschiedenen Gruppen innerhalb des Islam (z. B. Sunniten und Schiiten), über der Teilung in verschiedene unabhängige Staaten, auch wenn diese manchmal zerstritten sind oder gar Krieg miteinander führen. Demgegenüber scheinen die Christen in verschiedene Gruppen aufgeteilt zu sein – nicht nur innerhalb der islamischen Welt.

 

3. Im Bewusstsein der Muslime ist die Auslegung des Korans und der Tradition grundsätzlich dem einzelnen Gläubigen überantwortet. Das System des idschmâ’ (des Konsensus der Religionsgelehrten) gibt es nicht mehr. Es gibt zwar Muslime, die sich nach einem Lehramt sehnen, das die Einheit des Glaubens bewahren und den Glauben in der heutigen Zeit auslegen könnte. Häufiger aber trifft man auf große Skepsis gegenüber einer Autorität, die in Sachen des Glaubens bindet.

 

4. In der Regel ist man Muslim bzw. Muslimin, weil man in einem muslimischen Land geboren wurde und in der muslimischen Glaubenswelt aufwuchs. Dasselbe nimmt man von den Christen an. Außerdem wird der Wesensunterschied zwischen christlicher Taufe und muslimischer Beschneidung oft nicht klar erkannt. Manchmal wird von arabischen Muslimen das arabische Wort für Beschneidung mit „Taufe“ übersetzt. Anderseits nimmt heute die Zahl der Muslime und Christen zu, die sich als Erwachsene bewusst zu ihrem Glauben bekehren oder sich ihm neu zuwenden.

 

Im Einzelnen

 

1. Innerhalb der Umma sind alle Gläubigen (Männer oder Frauen) gleichwertig in den Augen Gottes, „wie die Zinken eines Kammes“ (Hadîs). „Der Angesehenste von euch bei Gott ist der Gottesfürchtigste von euch“ (Sure 49,13). Jedermann wendet sich Gott zu ohne Vermittler, auch wenn die meisten Muslime der Fürbitte der Heiligen einen wichtigen Platz einräumen. Es ist allgemeiner muslimischer Glaube, dass Muhammad ein lebendiger Fürsprecher für sie am Thron Gottes ist. Die Wahhâbiten(19) betonen allerdings mit Hinweis auf verschiedene koranische Verse, dass diese Fürsprache nur am Letzten Tage und mit ausdrücklicher Erlaubnis Gottes stattfindet (siehe Sure 2,256; 20,108 u.a.m.).

 

2. Die Umma ist die Gemeinschaft aller Gläubigen, „die Gläubigen sind ja Brüder“ (Sure 49,10). Der Kalif (in der Vergangenheit) und die Staatsoberhäupter (in unseren Tagen) haben die Pflicht, sich um den Zusammenhalt der Umma zu kümmern und sicherzustellen, dass das muslimische Gesetz umgesetzt wird. Allerdings haben sie normalerweise keine Funktion bei der näheren Bestimmung und Interpretation des Glaubens und des Gesetzes.

 

3. Die Definition dessen, was zu glauben und zu tun ist, obliegt den Religionsgelehrten (’ulamâ: diejenigen, die sich gut auskennen in den religiösen Wissenschaften; fuqahâ: diejenigen, die das religiöse Gesetz, den fiqh studiert haben). Unfehlbarkeit hinsichtlich der Definition des Glaubens und Gesetzes kommt der Gemeinschaft zu, d. h. der Umma als ganzer: „Meine Gemeinschaft wird niemals übereinstimmen in dem was falsch ist“ (Hadîs). Doch ist die Umsetzung dieses Grundsatzes sehr schwierig. In den einzelnen Ländern sind ein Großmufti oder ein Gremium von Muftis (dâr al-¦¯fta¯’) verantwortlich für die offizielle Interpretation des Gesetzes durch formale Rechtsentscheide, genannt fatwa-s. Ein Muslim kann sich auch Rat holen bei gelehrten und/oder geistlich versierten Führern (’ulamâ und Sufi Scheiche), die ob ihrer Kompetenz und Erfahrung bekannt sind.

 

4. Die Rolle des imâm ist es, dem rituellen Gebet (salât) vorzustehen und zu predigen (khutba). Normalerweise ist er ein öffentlicher Beamter, der von der Regierung bezahlt wird. In seiner Abwesenheit kann sein Platz von einem kompetenten Muslim eingenommen werden. Der imâm ist kein Priester. Es gibt im Islam keinen Klerus, vielmehr Religionsgelehrte, die sich gut in den religiösen Wissenschaften auskennen.

 

5. Es gibt mehrere Richtungen im Islam, die je für sich beanspruchen, der wahre Weg zu sein. Viele Muslime sind heute jedoch der Meinung, dass vor allem die Spaltung in Sunniten und Schiiten, ganz zu schweigen von den kleineren Gruppen und verschiedenen theologischen Schulen, historisch bedingt und ein Produkt der Geschichte ist und dass jede Richtung verschiedene Aspekte des Islam hervorhebt, die alle im Koran verwurzelt sind.

 

6. Verglichen mit dem Islam erscheint das Christentum für Muslime als gespalten, nicht zuletzt hinsichtlich der Lehre über Wesen und Bedeutung Jesu Christi. Wenn der Koran von Jesus oder den Christen spricht, fügt er hinzu: „Dann wurden die Parteien untereinander uneins. Wehe denen, die nicht glauben, vor dem Erleben eines gewaltigen Tages“ (Sure 19,37; vgl. 2,113.145; 5,14). Muslime in Europa denken dabei besonders an die Spaltung der Christen in Katholiken und Protestanten.

 

III. Christliche Sicht

 

1. Katholisch/Evangelisch(20)

 

1. Kirche im christlichen Sinn ist ein mehrschichtiger Begriff. Sie ist zunächst die Gemeinschaft derer, die Jesus als Sohn Gottes und Erlöser glauben und in der Taufe bekennen. Diese umfassende Gemeinschaft der Getauften ist in verschiede Kirchen und Glaubensgemeinschaften gegliedert.

 

2. Man wird Christ nicht durch Geburt, sondern durch Glaube und Taufe.(21) Der Getaufte wird in Tod und Auferstehung Jesu hineingenommen (Röm 6) und Glied der Kirche.

 

3. Die Kirche ist ständig darum bemüht, dem Wort Gottes, das in der Hl. Schrift des Alten und des neuen Testaments mitgeteilt wird, treu zu bleiben und es im Kontext jeder Epoche zu verstehen. Diese andauernde Erneuerung im Verständnis des Wortes Gottes wird in der Gemeinschaft der Kirche vollzogen, wobei der Heilige Geist, den Jesus seinen Jüngern versprochen hat, wirksam ist.

 

1.1 Evangelische Besonderheiten

 

Kirche ist dort, wo das Wort Gottes unverfälscht verkündigt und die Sakramente der Taufe und des Herrenmahls evangeliumsgemäß verwaltet werden.(22) Die Kirche baut sich von den Gemeinden her auf. Sie ist synodal verfasst, die Leitenden (von Pfarrer oder Pfarrerin bis zu Bischof oder Bischöfin(23)) sind den jeweiligen synodalen Gremien(24), die sich aus Amtsträgern/Amtsträgerinnen und Laien zusammensetzen, rechenschaftspflichtig. Alle Leitung der Kirche, ob von Männern oder Frauen, ob von Verheirateten oder nicht Verheirateten wahrgenommen, ist geschwisterlicher Dienst aneinander.

 

1.2 Katholische Besonderheiten

 

Die Kirche ist zunächst das Volk Gottes, in dem alle aufgrund der Taufe eine gleiche Würde haben. Das Amt in der Kirche dient der Gemeinde der Glaubenden. Das 2. Vatikanische Konzil spricht in der Kirchenkonstitution Lumen Gentium absichtlich von einer hierarchischen Gemeinschaft („communio hierarchica“)(25). Die Kirche ist nicht die Hierarchie, sondern die Gemeinschaft der Christen, die Hierarchie dient der Gemeinschaft.

 

Wenn man die Lehre von der „Unfehlbarkeit“ des Papstes oder der Bischöfe richtig verstehen will, muss man zunächst beachten, dass grundlegend das Wort Gottes, das in Jesus Christus mitgeteilt ist, unfehlbar, das heißt absolut zuverlässig und irrtumsfrei ist. Jesus verkündet und bezeugt die Wahrheit Gottes (vgl. Joh 18,37). Diese Wahrheit wird der Kirche durch das Wirken des Heiligen Geistes erschlossen und von ihr im Glauben angenommen. Der Heilige Geist, der „Geist der Wahrheit“ führt die Jünger Jesu in die ganze Wahrheit ein (Joh 16,13). Im geistgewirkten Glauben der Kirche ist die untrügliche Wahrheit Gottes gegenwärtig. Deshalb erklärt das 2. Vatikanische Konzil: „Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen (Geist) haben (vgl. 1 Joh 2,20 u. 27), kann im Glauben nicht irren“ (Lumen Gentium, 12).

 

Diese Irrtumslosigkeit ist gegeben, wenn die Gesamtheit der Gläubigen „ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert“ (ebd.). Die der Kirche insgesamt zukommende Unfehlbarkeit im Glauben konkretisiert und vollzieht sich in der Gemeinschaft der Bischöfe als der Nachfolger der Apostel (vor allem in einem ökumenischen Konzil) und im Amt dessen, dem als Nachfolger des Apostels Petrus der Dienst der Einheit in der Kirche aufgetragen ist (Papstamt). Unfehlbarkeit kommt dem Papst also nicht als Privatperson zu. Auch sind nicht alle seine Lehräußerungen ohne weiteres unfehlbar. Unfehlbar sind seine Lehrentscheidungen, wenn er „ex cathedra“ spricht, d. h. wenn er kraft seines Amtes als „oberster Hirte und Lehrer aller Gläubigen … eine Glaubens- und Sittenlehre in einem endgültigen Akt verkündet“ (Lumen gentium, Nr. 25 mit Verweis auf das Erste Vatikanische Konzil).(26) Der Papst ebenso wie die Gemeinschaft der Bischöfe können also nicht Beliebiges als unfehlbar erklären, sondern sie sind rückgebunden an den Glauben, welcher der Kirche als Gesamtheit anvertraut ist und in ihr überliefert wird. Deshalb haben sie auch vor einer Lehrentscheidung auf das Glaubenszeugnis in der Heiligen Schrift, in der Überlieferung der Kirche und im lebendigen Glaubensbewusstsein der Christen („sensus fidei“, Lumen gentium, Nr. 12) zu hören.

 

Umgekehrt ist es für die Gemeinschaft der Glaubenden ebenso erforderlich, dass ihr der Glaube auch verbindlich und verlässlich zugesagt und verkündet wird. Diese verlässliche Verkündigung ist Aufgabe des Amtes in der Kirche. Das kirchliche Amt wurzelt in der Sendung der Apostel und – bezüglich des Petrusamtes – in der Sendung, die Jesus dem Petrus übertragen hat (vgl. Mt 16,18; Lk 22,32; Joh 21,15–17).

 

Die universale Kirche, wie sie in der katholischen Kirche verstanden und realisiert wird, ist eine Gemeinschaft gleichrangiger Ortskirchen. Die Grundeinheit der Ortskirche ist die Diözese. Diese steht unter der Leitung eines Bischofs. Jede Diözese ist in Pfarreien aufgeteilt, die jeweils einem Priester, dem Pfarrer(27), vom Bischof anvertraut sind. Ein Bischof ist verantwortlich für eine Ortskirche, und die Priester sind die Mitarbeiter des Bischofs, der sie aussendet, damit sie sich einer Gruppe von Gläubigen in einer Gemeinde annehmen. Die Aufgabe des Priesters ist es, möglichst unterstützt durch weitere haupt- oder nebenamtliche Helfer, die Christen im Namen Christi zu versammeln, der Eucharistiefeier vorzustehen und die anderen Sakramente zu feiern sowie für die Lehre und geistliche Betreuung der Gläubigen zu sorgen (Seelsorge). Die Gesamtheit der Diözesen oder Ortskirchen macht die universale Kirche aus, deren Einheit und Leitung dem Bischof von Rom, dem Papst als dem Nachfolger des Apostels Petrus, zusammen mit dem Kollegium der Bischöfe obliegt.

 

In den Ostkirchen, seien sie nun unabhängig vom Papst in Rom oder vereint mit ihm (uniert), wird das Oberhaupt der jeweiligen Kirche Patriarch genannt.

 

2. Die Kirchen und die Einheit der Kirche

 

Praktisch von ihren frühesten Anfängen an hat die Kirche unter Schismen (Spaltungen) und Häresien (schwere Abweichungen vom rechten Glauben) gelitten. Neben theologischen haben dabei auch politische und moralische Faktoren eine wichtige, manchmal die entscheidende Rolle gespielt.(28)

 

In unseren Tagen haben sich drei Hauptgruppen der Christenheit, die Katholische(29), die Protestantische und die Orthodoxe Kirche, über die ganze Welt verbreitet.(30) Viele Jahrhunderte hindurch haben sie mehr oder weniger im Gegensatz zueinander gelebt. Sie haben sich zuweilen mit Waffen bekämpft. Auch haben sie sich in den Missionsgebieten nicht selten gegenseitig scharfe Konkurrenz gemacht, und dies nicht immer mit lauteren Mitteln. Dies widerspricht der Botschaft Jesu und seinem Gebet um Einheit (Joh 17).

 

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat die ökumenische Bewegung, die die Einheit der Kirche zum Ziel hat, einen starken Auftrieb erhalten. Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) wurde 1948 gegründet, ihm gehören die meisten protestantischen (einschließlich der Anglikanischen) Kirche und die meisten orthodoxen Kirchen an. Die katholische Kirche, die mehr als die Hälfte der Christen zu ihren Mitgliedern zählt und somit zahlenmäßig die weitaus stärkste christliche Kirche darstellt, ist auch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil dem Ökumenischen Rat nicht beigetreten. Sie nimmt jedoch Teil an der Arbeit der größten Kommissionen des Rates und hat mit seinen verschiedenen Mitgliedskirchen wichtige Übereinstimmungen in Bezug auf Eucharistie, Ämter, Autorität in der Kirche und die Rolle des Papstes erzielt. Der Weg zur Einheit der Christen ist damit eröffnet. Es wird darauf ankommen, dass alle Christen sich gegenseitig als Brüder und Schwestern in Christus erkennen und dass sie einander hören und dass sie, wo und wie immer möglich, zusammenarbeiten.

 

IV. Christen antworten (31)

 

1. Die Kirche und die Umma sind beide Gemeinschaften von Gläubigen. Beide umfassen auch soziale und weltliche Dimensionen. Die Umma weiß sich beauftragt, das Werk Muhammads in der jeweiligen Zeit fortzuführen, indem sie Gottes Willen zur Geltung bringt. Der Umma als umfassender Gemeinschaft entspricht die Kirche als geistliche Einheit und sichtbare Vergegenwärtigung Christi und seines Reiches. Dabei charakterisieren die katholische Kirche stärker hierarchische Struktur und Lehramt, während in protestantischen Kirchen stärker das synodale Prinzip(32) betont wird, auch dort, wo Leitungsstrukturen intensiv ausgebildet sind. Beide Akzentuierungen müssen nicht gegensätzlich sein.

 

2. Papsttum und Kalifat. Der Kalif war als Staatsoberhaupt ein weltlicher Herrscher; die Autorität des Papstes ist heute rein geistlicher Natur. Der heute territorial äußerst kleine Vatikanstaat sichert die politische Unabhängigkeit des Papstes und der Kurie, d. h. der Zentralorgane der katholischen Kirche. Die Nuntien oder Gesandten des Papstes sind nicht Botschafter eines weltlichen Herrschers, sie sind im Grunde nicht mehr als persönliche Vertreter eines geistlichen Führers.(33)

 

3. Unfehlbarkeit in der katholischen(34) Kirche und in der Umma. Das grundsätzliche Prinzip gibt es auf beiden Seiten, sowohl in der katholischen Kirche wie in der Umma. Es hat ein gemeinsames Element. Die Unfehlbarkeit kommt wesentlich der Gemeinschaft der Gläubigen zu. Der Unterschied liegt in der Art und Weise, wie sie ermittelt wird.(35) Nach katholischem Verständnis ist ein vom Heiligen Geist geleitetes Lehramt erforderlich, damit die Kirche in den unvermeidlichen Entwicklungen, die sich mit den Generationen vollziehen, in der Treue zum Evangelium in der Wahrheit gehalten wird.

 

4. Der katholische Priester, der evangelische Pfarrer oder die evangelische Pfarrerin stehen wie der Imam dem liturgischen Gebet vor, predigen und lehren. Der katholische Priester und der evangelische Pfarrer bzw. die Pfarrerin sind ordiniert. Der Imam dagegen ist ein Muslim, der von einer Moscheegemeinde oder einer Organisation von Moscheen damit beauftragt ist, einer Gemeinde von Muslimen vorzustehen. Eine theologische Berufsausbildung ist für die Ausübung der Funktion des Imam keine notwendige Bedingung.

 

5. Taufe, Glaubensbekenntnis und Beschneidung. Man ist ein Muslim durch Geburt von muslimischen Eltern oder durch Konversion zum Islam mittels des Aussprechens der schahâda, des Glaubensbekenntnisses vor Zeugen. Glied der christlichen Kirche wird man durch die Taufe, die auch das Glaubensbekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes einschließt. Die Beschneidung, die im Koran nicht erwähnt wird, ist nur sunna (d. h. eine auf Hadîsen basierende Tradition). Für einige Juristen ist sie zwingend vorgeschrieben, für andere angeraten. Sie bezieht sich auf Jungen, einige wenige wollen sie auch auf Mädchen beziehen, was von den meisten Muslimen abgelehnt wird.(36)

 

6. Einheit in der Kirche und in der Umma. Beide, Kirche und Umma, haben Schismen und Rivalitäten erlebt, nicht selten begleitet von Blutvergießen. Menschliche Faktoren auf beiden Seiten sollten nicht negiert oder verniedlicht werden. Das bedeutet für Katholiken und Protestanten, die Fehler, Missstände und Sünden öffentlich zu bekennen, durch die die katholische Kirche z. B. zum Schisma zwischen Ost- und Westkirche und zu den Kirchenspaltungen des 16. Jahrhunderts beigetragen hat, durch die protestantische Kirchen sich untereinander befehdeten. Dies bietet die Gelegenheit zu erklären, dass die christliche Kirche nach katholischem Glauben sowohl göttlicher wie auch menschlicher, also fehlbarer, Natur ist und nach katholischem und evangelischem Glauben sowohl heilig als auch aus Sündern zusammengesetzt ist. Die Erkenntnis, dass sich die Kirche in einem ständigen Prozess des Reformierens befinden muss(37), enthält die stete Herausforderung einer Neubesinnung innerhalb der Kirche, darf jedoch nicht als Aufforderung zur Abspaltung von ihr missverstanden werden. Genauso, wie die Muslime sich über die verschiedenen getrennten Zweige des Islam hinweg als Brüder im Glauben fühlen, sollten sich auch die Christen über die Grenzen der Konfessionen hinweg als Brüder und Schwestern in Christus einig wissen, aufgefordert dort zusammenzuarbeiten, wo immer es möglich ist: bei Bibelübersetzung und -auslegung, theologischer Reflexion und Forschung, Entwicklung von Spiritualität und Zeugnis, bei sozialer und karitativer Arbeit.

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  • (19) Wahhabiten sind Anhänger der Lehre des Muhammad Ibn Abd al-Wahhab (1703–93), der sich vehement gegen jede Mittlerschaft und Vermittlung zwischen Schöpfer und Geschöpf wandte, so etwa gegen Heiligenverehrung, schiitische Vorstellungen vom Imam, monistische Tendenzen der Philosophie und Mystik.
  • (20) Wenn nicht anders vermerkt, wird katholisch hier dem Sprachgebrauch der Kirchen in Deutschland entsprechend im Sinne von römisch-katholisch, evangelisch im Sinne von protestantisch (lutherisch, reformiert) verstanden.
  • (21) Während der ersten Jahrzehnte der Kirche wurden zunächst Erwachsene durch die Taufe in die Kirche aufgenommen. Die neutestamentlichen Texte belegen die Kindertaufe nicht sicher, schließen sie aber auch nicht aus (vgl. LTHK. 3. Aufl., Bd. V, 1448). Die Praxis, Kinder christlicher Eltern im frühesten Kindesalter zu taufen, wird damit begründet, dass Eltern ihr Kind im Glauben erziehen können, so dass es später bewusst sein eigenes Bekenntnis ablegt und sich als Erwachsener der Kirche verpflichtet. Einige Kirchen taufen nur Erwachsene und vertreten die Auffassung, dass die Kindertaufe dem Evangelium widerspricht.
  • (22) Confessio Augustana, Nr. 7.
  • (23) Zur Ausbildung s. Anm. 27.
  • (24) Auf Gemeindeebene ist der Gemeindekirchenrat, auf Kirchenkreisebene die Kreissynode und zwischen den Synoden der Kreiskirchenrat, auf Landeskirchenebene die Landessynode und zwischen den Synoden die Kirchenleitung, auf der gesamtkirchlichen Ebene die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und zwischen den Synoden der Rat der EKD tätig.
  • (25) Nr. 21: „in communione hierarchica“, vgl. auch Nr. 8 und Nr. 10.
  • (26) Nicht selten werden die arabisch-muslimischen Termini ma’sûm und ’isma mit „unfehlbar“ bzw. „Unfehlbarkeit“ wiedergegeben. Sie drücken jedoch eher die Idee von „bewahren vor“ aus, und bedeuten meist genauer „Bewahrung von Sünde“. Dies kann sich auf die Propheten oder, wie bei den Schiiten, auf einen Imam beziehen. So wird der Begriff normalerweise eher im Sinne von „Sündenfreiheit“ als im Sinne von „Unfehlbarkeit“ verstanden.
  • (27) Bevor er in eine Pfarrei gesandt wird, ist er in einem Seminar geistlich und theologisch ausgebildet worden. Nach seiner Ordination oder Priesterweihe durch den Bischof, die in einem besonderen, feierlichen Weiheritus geschieht, wird er von demselben Bischof zu einer bestimmten Gemeinde gesandt. Grundsätzlich besteht kein Widerspruch dagegen, dass ein Priester verheiratet ist. Im Mittleren Osten gibt es viele Priester, die verheiratet sind, und die meisten der orthodoxen Priester sind verheiratet und haben Kinder. Im Westen, in der Lateinischen Kirche, ist es seit dem 7. Jahrhundert kanonische Vorschrift, dass die Priester unverheiratet bleiben. Aber diese Vorschrift könnte geändert werden, denn die Priester sind nun einmal keine Ordensleute. Der Priester sollte nicht mit dem Ordensmann gleichgesetzt werden, selbst wenn viele Ordensleute auch Priester sind. Der Ordensmann oder die Ordensfrau sind Christen, die die Berufung haben, ihr Leben in besonderer Weise Gott zu weihen. Die Konsekration (Weihe) findet konkreten Ausdruck in den drei Gelübden der Armut, Keuschheit (Zölibat) und des Gehorsams. Die Ordensleute leben in Gemeinschaften (Konvent) unter der Autorität eines Oberen. Einige Orden widmen sich vor allem der Anbetung (Kontemplation). Andere sind vornehmlich mit geistlicher Lehre und/oder der Erziehung der Jugend beschäftigt, wieder andere mit medizinischer oder allgemeiner sozialer Hilfe usw. Was ihre Aktivitäten innerhalb einer Diözese angeht, so stehen die Ordensleute unter der Autorität des Bischofs. Auch im evangelischen Raum sind die kirchlichen Mitarbeiter theologisch ausgebildet; Pfarrerinnen und Pfarrer und leitende Theologen haben ein Hochschulstudium absolviert. Ihre Entsendung in die Gemeindearbeit oder andere kirchliche Aufgaben setzt meist die Ordination voraus. Andere kirchliche Mitarbeiter sind z. B. Diakone, Kirchenmusiker/innen, Kindergärtner/innen, Sozialarbeiter/innen.
  • (28) Im 4. Jahrhundert verurteilte das Konzil von Nizäa (325) Arius und die Arianer, die den Sohn Gottes als eine Schöpfung des Vaters betrachteten. Heute leben arianische Vorstellungen bei den Unitariern fort, die den Glauben an die Trinität zurückweisen. Im 5. Jahrhundert verurteilte das Konzil von Ephesus (431) Nestorius und die Nestorianer, die dafür eintraten, dass in Christus zwei Personen existieren. Einige nestorianische Gruppen haben im Irak und im Iran unter dem Namen Assyrer überlebt. Die meisten von ihnen sind jedoch im Lauf der Geschichte der katholischen Kirche beigetreten. Sie tragen den Namen Chaldäer. Ebenfalls im 5. Jahrhundert verurteilte das Konzil von Chalzedon (451) Eutyches und die Monophysiten, die nur die göttliche Natur in Christus anerkannten. Der Monophysitismus wird von der koptischen Kirche von Ägypten und ihrer Schwesterkirche in Äthiopien vertreten, ebenso von den Jakobiten in Syrien, den „Syrianern“. Die Christen Syriens und Ägyptens, die den Monophysitismus ablehnten und die Definition des Glaubens des Konzils von Chalzedon annahm und dem Kaiser von Konstantinopel treu blieben, wurden Melkiten (abgeleitet von syrisch malkâyâ, d. h. „Leute des Kaisers“) genannt. Heute wird dieser Begriff auf die Christen des byzantinischen Ritus angewandt, die zu den Patriarchaten von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien gehören, seien sie nun Orthodoxe oder Unitaten, d. h. mit Rom verbunden. Im 11. Jahrhundert fand ein großes Schisma statt zwischen der Kirche des Ostens unter der Autorität des Patriarchen von Konstantinopel, und der Kirche des Westens, geleitet vom Papst in Rom. Die Orientalische Kirche bezeichnete sich in der Folgezeit als orthodox (die wahre Lehre), die Römische Kirche als katholisch (universal). Im 16. Jahrhundert entstanden die Kirchen der Reformation. Durch das Wirken Martin Luthers (1483–1546) entstanden die lutherischen Kirchen, während die calvinistische oder reformierte Kirche auf Johannes Calvin (1509–64) zurückgeht. In England konstituierte Heinrich VIII. im Jahre 1531 die anglikanische Kirche.
  • (29) Katholisch geht hier über römisch-katholisch hinaus.
  • (30) Außerdem hat sich in jeder der orientalischen Kirchen eine Gruppe von Gläubigen wieder mit der katholischen Kirche vereinigt (Uniaten). Folglich gibt es orthodoxe und katholische Melkiten sowie orthodoxe und katholische Syrer. Dasselbe gilt für die Kopten, die Nestorianer, die Armenier. Dagegen sind die Maroniten alle katholisch.
  • (31) Einige unter I. aufgelistete Fragen sind schon im Verlauf der Darstellung unter III. besprochen worden.
  • (32) Siehe Anm. 24.
  • (33) Um den „Reichtum“ (man denkt etwa an den Wert der „Kunstschätze“ des vatikanischen Museums) und die „Macht“ des Vatikans haben sich regelrechte Legenden gebildet. Ein Gutteil davon geht auf die frühere politische Macht des Papstes zurück. Heute wird das für die Verwaltung des Vatikans und für die Hilfen in der weltweiten Kirche notwendige Geld fast ausschließlich von den Gaben der Gläubigen aus der ganzen Welt aufgebracht.
  • (34) In den evangelischen Kirchen kommt dem Wort Gottes Unfehlbarkeit zu. Beschlüsse der Synoden oder Kirchenleitungen wollen zwar bindend sein, sind aber immer auch revidierbar.
  • (35) Zum System der idschmâ’ und zur Frage der Unfehlbarkeit in der Umma siehe oben S. 73.
  • (36) Nach einer Tradition (Hadis) ist die Beschneidung für Jungen Pflicht, für Mädchen eine Wohltat; nach einer anderen Tradition soll die Beschneidung der weiblichen Klitoris nur teilweise geschehen. Die Beschneidung von Mädchen wird auch heute noch von muslimischen Rechtsgelehrten als der Scharia entsprechend gelehrt. Vgl. folgende Hadise: Ibn Hanbal Nr.19794; Abu Dawûd Nr. 4587; Ibn Mâdscha Nr. 600; At-Tirmidhî Nr. 101. Die weibliche Beschneidung wird bei Muslimen, aber auch Nichtmuslimen, besonders im afrikanischen Raum, praktiziert, vor allem deshalb, weil sie nach ihrer Ansicht den Kindersegen fördert. In nichtmuslimischen, ansatzweise auch in muslimischen Kreisen, wird dagegen die Beschneidung von Mädchen heute abgelehnt. Die Beschneidung der weiblichen Klitoris beeinträchtigt in viel elementarerer Weise als die Beschneidung der männlichen Vorhaut das Gefühlsleben. Der Vollzug birgt bei Vernachlässigung hygienischer Standards ein hohes gesundheitliches Risiko. Selbst in Deutschland stellt die Beschneidung von Mädchen weiterhin ein Problem dar. Sie wird strafrechtlich verfolgt.
  • (37) Das im 2. Vatikanischen Konzil, Dekret über den Ökumenismus, Nr. 6 erneut unterstrichene Prinzip ecclesia semper reformanda (die Kirche muss ständig reformiert werden) ist ein Wesenszug der Kirche von Beginn an und war eine wesentliche Triebfeder der Reformation, die zu der Herausbildung der evangelischen Kirchen führte.

Kontakt

J. Prof. Dr. T. Specker,
Prof. Dr. Christian W. Troll,

Kolleg Sankt Georgen
Offenbacher Landstr. 224
D-60599 Frankfurt
Mail: fragen[ät]antwortenanmuslime.com

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